Zug um Zug, Judith Ruyters, SWR 2014

gelesen von Florian Rummel
Lektorat: Franziska Hochwald
Produktion: SWR 2014,  Dauer ca. 18′ Min.

 

Seit einer Ewigkeit sitzen meine kleine Schwester Mia und ich jedes zweite Wochenende im ICE, dreieinhalb Stunden hin und dreieinhalb Stunden wieder zurück. Früher war auf dem Hinweg meine Mutter und auf dem Rückweg mein Vater bei uns. Aber inzwischen laden sie uns mit dem Auto am Bahnhof ab. Wir schnappen unsere Taschen und drücken ihnen bei laufendem Motor einen Kuss auf die Fensterscheibe.
Wir sind alte Hasen in Sachen Abschied, Abfahrt und Ankunft und wir haben so ziemlich alles erlebt, was man unterwegs erleben kann, dachte ich zumindest.  […]
Ich renne los, damit wir unseren Zug nicht verpassen. Als ich mich umdrehe, kann ich Mia nicht mehr sehen. Auf dem Gleis, von dem aus unser Zug außerplanmäßig abfahren soll, ist kein Mensch, obwohl der Bahnhof unheimlich voll ist.

Ist der Zug schon weg? Ist Mia, ohne dass ich es bemerkt habe an mir vorbeigerannt? Ist sie etwa ohne mich eingestiegen? Sie hat keinen Fahrschein, kein Telefon und nicht einen Cent in der Tasche. Sie würde auf mich warten. Auf jeden Fall. Sie ist zwar erst neun, aber berühmt für ihre Geistesgegenwart.
Ich gehe zurück in die Bahnhofshalle. Menschen strömen hin und her, als wäre ihnen die Sicherung durchgebrannt. Ich rufe nach Mia. Ich schreie nach ihr. Ich will zur Information laufen, aber ein Mann greift meinen Arm und hält mich fest: „Bist du Nils?“
Ich nicke ganz automatisch.
„Deine Schwester sucht nach dir.“ Er lässt mich los und geht durch die Menge davon.
Ich stürze ihm hinterher, vorbei an all den Gleisen und mit der Rolltreppe hinunter in den U-Bahnschacht. Da, wo sonst die U4 in Richtung Zoo fährt, steht jetzt ein Zug, wie ich noch nie einen gesehen habe. Er ist mit Graffiti bemalt und man sieht weder Fenster noch Türen. Der Mann steht an einem Eingang. Er winkt wie ein Schülerlotse nicht unfreundlich aber leicht ungeduldig. Bevor ich weitere Fragen stellen kann, ertönt ein Pfeifen und ich höre Mia: „Komm schon rein! Wo bleibst du denn nur!“
Und also springe ich hinein …  (Auszug)